Fünf Tage ist die Schrägste Kirmes Europas das heißeste Pflaster in der Region. In diesem Jahr auf jeden Fall auch, was die Temperaturen angeht. Der Wettergott steht wieder einmal voll hinter dem Kirmesgeschehen. Dabei hätte Petrus aber nicht gleich so übertreiben müssen.
Vom Hinterhof der VHS startete der Tross in diesem Jahr ohne die Musiker der Spielleute-Vereinigung Gevelsberg sowie der Fidelen Vogelsangern fast pünktlich um 19 Uhr. Die Musiker beider Gruppen warteten oben an der Kirmesterrasse. Bei der Hitze die zum Teil schweren Instrumente den Berg hochzuschleppen, war nicht zumutbar. Für die musikalische Begleitung sorgte der Lautsprecher des Polizeifahrzeugs, dass wie immer vorweg fährt.

Angeführt vom Hammerschmied-Gesellen Joel Timmerbeil, seinen Begleiterinnen Mijou Brand und Mandy De Heel, sowie Bürgermeister Claus Jacobi und dem Vorstand des GKV, ging es durch das Kirmestor und einem Spalier fröhlich feiernder Menschen zur Kirmesmauer. Ihnen folgten die Blaukittel und die Standartenträger.
Bevor der neue Dorfschulze Manfred Bärenfänger gleich vier neue Gehilfen ernennen durfte, ergriff der 1. Vorsitzende Markus Loetz das Wort. Dass die Jüngsten in den Kirmesgruppen als Nachwuchs sehr wichtig sind, zeigt sich jetzt auch optisch. Alle Kinder tragen ein eigens bedrucktes T-Shirt. Hammerschmied-Geselle Joel, der trotz seiner Nervosität einmal mehr super ablieferte, verlas so manche Dönekes aus seinem Azubi-Berichtsheft. Zum guten Ton gehörte es dabei auch, die Abordnungen aus den Nachbarstädten ein wenig mit einem Augenzwinkern auf die Schippe zu nehmen. Andreas Alexius brach eine Lanze für die heftig schwitzenden Blaukittelträger. „Bei solchen Temperaturen muss es eigentlich trotz aller Tradition erlaubt sein, Kurze Blaukittel mit kurzen Hosen zu tragen.“ Er danke auch den Schaustellerkollegen, die ihre Fahrgeschäfte und „Buden“ trotz Hitzewelle reibungslos platzierten.

Dann wurde es spannend, wer die neuen Blaukittelträger sind. Zumindest der Schreiber der Urkunden hatte es ziemlich einfach, denn gleich drei der neuen Gehilfen heißen mit Vornamen Peter.
Da wäre zum einen Peter Mertens. Der gebürtige Gevelsberger erlernte in jungen Jahren den Beruf des Maschinenschlossers bei Niepmann. Dass der heute 70-Jährige vor über 40 Jahren aktiv ins Kirmesgeschehen kam, ist seinen beiden Töchtern zu verdanken. Sie nahmen damals in der Kindergruppe der KG Börkey am Kirmeszug teil. Der damalige Vorsitzende sprach ihn irgendwann mit den Worten an: „Du kannst die beiden Kinder doch nicht alleine hier zu uns kommen lassen.“ Und schon wurde Peter Mertens intensiv in den Wagenbau eingespannt. Seit nunmehr 15 Jahren übernimmt er die wichtige Aufgabe der Zugleitung. Allerdings wird Peter Mertens am Kirmessonntag zum letzten Mal bei der Aufstellung die jüngeren Kollegen mit seiner Erfahrung unterstützen. Danach genießt er zusammen mit seiner Frau Ursula den Kirmeszug als Zuschauer. „Darauf freue ich mich. Den Zug habe ich so viele Jahre nicht sehen können.“
Aus der Uckermark in Brandenburg stammt mit Peter Ulrich der nächste Blaukittelträger. Nach der Wende kam der heute 69-jährige nach Schwelm und arbeitete beim Fertigteilwerk Keskin in Gevelsberg. Nach einem Arbeitsunfall zog er kurz in seine alte Heimat, zog wenig später nach Gevelsberg – und arbeitete dann in Schwelm. „Da ich in Schwelm arbeitete, wollte ich immer dahin umziehen“, erinnert sich der verheiratete Familienvater. Dann lernte er aber 1993 Michael Sichelschmidt kennen, der ihn sofort für die KG Mühlenhämmer „einverleibte“. Viele Jahre baute Peter Ulrich für die Kindergruppe und war später auch kurzzeitig Bauleiter. Seit acht Jahren ist er ebenfalls Zugleiter und gibt diese Aufgabe jetzt in jüngere Hände. „Damals habe ich Michael Sichelschmidt allerdings eine richtig doofe Frage gestellt“, lacht Peter Ulrich. „Mir gefielen die Blaukittel und die Mützen so gut, da habe ich ihn gefragt, wo man das kaufen kann.“ An den Blick von Michael kann er sich noch sehr gut erinnern. „Der fiel aus allen Wolken und hätte mich wohl fast angespitzt in den Boden gerammt.“ Heute weiß er, dass man sich das verdienen muss, und mit dem heutigen Tag hat er das geschafft.
Der nächste Peter heißt mit Nachnamen Weinrich. Er ist nicht nur waschechter Gevelsberger, sondern lebte auch die ersten sechs Jahre seiner Kindheit im Dorf. Sozusagen im Epizentrum der schrägsten Kirmes Europas. „Bei uns war zu Hause zur Kirmes immer viel los. Viele Freunde und Verwandte kamen vorbei, um vor allem die Toilette zu nutzen“, erinnert sich der heute 70-jährige. Als gelernter Realschullehrer wechselte er aufgrund seiner Sprachkenntnisse in den Export einer Wuppertaler Firma und arbeitete später dort 25 Jahre als Verkaufsleiter. Dann legte er noch einmal ein Staatsexamen in Deutsch ab und unterrichtete als Deutschlehrer sechs Jahre in Gelsenkirchen. Gefühlt die ganze Familie war und ist in der Kirmes aktiv. Sein Vater erhielt 1990 den Blaukittel. Neben seiner großen Leidenschaft, die Figuren in der Kirmesgruppe Aechter de Biecke für den Wagen zu bauen, lenkte er auch über zwei Jahrzehnte als Geschäftsführer und als 2. Vorsitzender die Geschicke der Kirmesgruppe. Bevor er damals seine Frau Ariane heiratete, hat er ihr ein Geständnis gemacht: „Ich bin schon mit der Kirmes verheiratet“. „Das hat sie akzeptiert und ist auch nicht sauer, wenn ich am Hochzeitstag auf dem Bauplatz arbeite“, lacht Peter Weinrich. 1966 nahm er als Schilderträger am ersten Kirmeszug teil. Heute sind die beiden Kinder und die Enkeltochter in der Familie in sechster Generation aktiv im Kirmesgeschehen.
Die Vierte Im Bunde der neuen Gehilfen des Dorfschulzen ist Annette Dörnemann. Dass die gebürtige Schwelmerin seit über zwei Jahrzehnten ein treues Mitglied der KG Schnellmark ist, hat sie ihrem leider verstorbenen Mann „Huppi“ zu verdanken. Er nahm sie überall mit hin. „Du kannst ja mal mitgehen und dann auch gleich einen Kuchen backen“, hat er ihr damals gesagt. Aus diesem einen Kuchen wurden 23 Jahre, in denen Annette Dörnemann das Küchenbuffet mit ihren leckeren Torten bereichert. Auch im Vorstand als Kassiererin engagierte sich die heute 74-jährige über 18 Jahre, nachdem sie davor als Kassenprüferin fungierte. Auch so manches Kostüm für den Kirmeszug schneiderte sie. Stolz ist sie auf die drei Töchter und drei Enkel. Interessant noch, dass sich die Familienmitglieder der Dörnemanns auf drei Kirmensgruppen verteilen.
Anschließend ging auch Bürgermeister Claus Jacobi auf die Temperaturen ein. Dabei hatte er einen pragmatischen Vorschlag: „Wir tun einfach so, als wären wir auf Mallorca.“ Die Ortsteile benannte er einfach in bekannte Orte auf der Baleareninsel um und die Erlöserkirche als Kathedrale von Palma. „Wenn wir uns das so vorstellen, ist es doch gar nicht mehr so heiß, oder? Ballermann oder Palma, Hauptsache Gevelsberg“, sprachs und eröffnete, gefolgt von den drei Donnerschlägen, offiziell die Kirmes.





































