Der Blaukittel

Der Iämpeströter Blaukittel und seine Geschichte

Der Iämpeströter BlaukittelDer Gevelsberger Kirmesverein e.V. entschied in einer gemeinsamen Sitzung von Vorstand, Präsidium und Bewertungsausschuß am 22. November 1978, ab dato die bis dahin zur jeweiligen Kirmes getragenen historischen „Phantasiekostüme“ nicht mehr weiter anzumieten. Man entschloß sich ab da, die Tracht der „ollen Iämpeströter“, den blooen Kie’el (blauen Kittel) met däm routgemusterten Halsdauk (rotgemusterten Halstuch) hoogesiedene Kappe (hochseidene Kappe) schwatte Büxe (schwarze Hose) und Blutschen (Holzschuhe) zur Kirmes und zu diversen Kirmesveranstaltungen zu tragen. Ein guter Entschluß, wie sich im Nachhinein zeigte. Der Blaukittel sollte wieder bekannter gemacht werden.

Um die Zahl der Blaukittelträger so schnell wie möglich zu vergrößern, werden ab Kirmes 1978 jeweils bis zu drei Ehrendörfler (eifrige, verdienstvolle Kirmesfreunde) ernannt, die als Insignien den blauen Kittel und das rote Halstuch sowie eine Urkunde überreicht bekommen. Da in der letzten Zeit die unterschiedlichsten Meinungen zu unserer Heimattracht aufkamen, hat sich der Verfasser intensiv über einen längeren Zeitraum mit der Geschichte des hier „Iämpeströter Blookie’el“ genannten Kleidungsstückes beschäftigt. Geschichtliche Treue der Wiedergabe auf Grund verlässlicher Quellen und Publikationen wurde angestrebt. Es gab eine Menge Stoff zu sichten, Interessantes zu entdecken und zu lernen.

Fest steht, daß man seit der Antike die Faser der Flachspflanze zu Leinen verarbeitete (gesponnen und gewoben). Die Kleidung des frühen Mittelalters wurde stark durch die byzantinische Mode geprägt. Germanische Grundformen waren vor allem in Kittel und Hose sichtbar. Verbote und Anordnungen beschränkten Bauern und Handwerker auf grobe, einheimische Gewebe. Zum großen Teil wurden sie aus Hanf, Wolle oder Leinen selbst hergestellt. Gefärbt wurde (wenn überhaupt) für die Festtagstracht mit einheimischen Pflanzenfarben. Die Kleidung der Feudalherren war hingegen aus kostbaren, oft mehrfarbig gemusterten Geweben und wurde reich bestickt.

Im 15./16. Jahrhundert importierte man mit dem „Indigo“ den ältesten, pflanzlichen, tiefdunkelblauen Farbstoff nach Europa. Die sogenannten Leineweber stellten mit mehr oder weniger gut konstruierten Webstühlen das Leinentuch her. Aus englischen Archiven ergibt sich, daß die wirtschaftliche Stellung Brabants (belgische Provinz) und seiner Tuchindustrie viel bedeutender war, als man bisher annahm. So führte eine große Wirtschaftsstraße von Köln durch Brabant nach Flandern. Es entwickelte sich ein Fernhandel, der die Geschichte der Tuchindustrie beeinflußte.

Die Brabanter Fuhrleute trugen blaue Kittel und rot-kattunene Halstücher. Es muß mit hinreichender Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, daß die relative Nähe und Erreichbarkeit Brabants auch einen gewissen Wandel der Trachten (Übernahme der blauen Kittel) bewirkte. Es ist bekannt, daß z. B. die französischen Bauern sowie Fuhrleute (Blouse longe, Sarrau) sowie die ländliche Bevölkerung in den Beneluxländern und England (Smock-Frock) blaue Kittel trugen. Man findet Blaukittel auch in Südeuropa, und letztlich ist davon auszugehen, daß der Brabanter Kittel in ganz Europa als Kleidungsstück der ländlichen, arbeitenden Bevölkerung Verwendung fand. Ja, man fand Blaukittel sogar in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nach dort sind sie mit den Auswanderern gelangt, wie Veröffentlichungen dortiger Universitäten berichten.

Als im Jahre 1832 in England die erste mechanische Webmaschine für Baumwolle erfunden wurde und bald darauf mechanisch hergestellte Webwaren auch in Deutschland den Markt überschwemmten, gab es natürlich kein Halten mehr. Alles kaufte die günstigeren Baumwollsachen.

Das Bauernhemd (auch Brabanter-, Blau-, oder Bauernkittel) veränderte zwangsläufig Stil, Aussehen und Gestaltung. Der Blaukittel ist heute ohne das feste blaue Baumwolltuch kaum mehr denkbar. Der ursprüngliche Brabanter Kittel hatte keinen Schlitz sondern lediglich ein Halsloch (eine enge runde Halsöffnung) durch das man beim Überziehen den Kopf hindurchzwängen konnte. An dem Hals- und an den engen Ärmelbörtchen waren viele Falten eingelassen. Oft wiesen Börtchen und die auf die Schulternähte aufgesetzten Leinenstreifen weiße oder schwarze Zierstiche auf.

Sehr schnell kam es zu speziellen Ausformungen innerhalb einzelner Regionen, ja sogar Orte. Hier trug man den Kittel kürzer oder dort länger. Mal war die Achselstickerei weiß, mal schwarz und hier und dort auch rot, Kragen mit Mauszähnchen. Diese Verzierung wurde zunächst mit der Hand, später dann mit besonderen Kurbelmaschinen angebracht. Bauern und Weber trugen das Hemd meist mit einem schwarzen Weber-, Deckel, oder Zipfelkäpple (Gugel) In unserem Gebiet setzte sich die „hochseidene Kappe“ mit festem (teilweise Leder) Schirm durch. Warum man die Stoffe für das sogen. Kittelzeug indigoblau färbte, naturfarben beließ oder nur bleichte, ist heute nicht mehr eindeutig zu klären. Das Blau ist aber sicherlich dem modischen Einfluß und einer gewissen Novität geschuldet.

Der „Iämpeströter Blookie’el“ hat also eine alte Herkunft, Geschichte und historische Vorgänger. Es ist schön und richtig, wenn wir in unseren heimat- und traditionsverbundenen Vereinen den Kittel und seine Vergangenheit auch in der Neuzeit pflegen, würdigen und bewahren.

Text: Hans-Heinrich Lesker