Wenn in Gevelsberg die Sirene ertönt, ist die Gänsehaut da

Die Gevelsberger Kirmes steht vor der Tür. Nur wenige wissen, wieviel Arbeit die Organisation des größten Volksfestes der Stadt macht. Damit bis zu hunderttausend Menschen einen tollen Kirmeszug erleben, verzichten an vorderster Front drei Männer auf viel Schlaf und sehr viel Freizeit. Kirmesvereins-Vorsitzender Michael Sichelschmidt, sein Stellvertreter Markus Loetz und Geschäftsführer Carsten Neef sehen sich manchmal öfter gegenseitig als ihre eigenen Frauen. Sie sprechen über das Gefühl, mit einem Bein im Gefängnis zu stehen, die unglaubliche Verantwortung, fünf Tage mit einem unglaublichen Programm – und wie es möglich ist, das in jedem Jahr wieder mit Freude und Enthusiasmus für andere Menschen zu machen.

Sie sind immer alle bestens gelaunt auf der Kirmes, aber wann haben Sie das letzte Mal ganz entspannt gefeiert?

Michael Sichelschmidt: Ich kenne das Gefühl nicht, ohne Anspannung die Kirmes rauf und runter zu gehen. Eine gewisse Anspannung ist immer dabei. Und wir haben den Druck, fit sein zu müssen.

Wie schaffen Sie das überhaupt? Schließlich sorgen zwei von ihnen auch noch jede Nacht für Stimmung auf der Bühne der Mühlenhämmer.

Markus Loetz: Fünf Stunden Schlaf sind während der Kirmestage schon absoluter Luxus. Gerade wir Drei haben einen ganz eng gesteckten Terminkalender. Früher klappte so etwas auch, wenn man am Vortag getrunken hat, aber die Zeiten sind vorbei.

Carsten Neef: Ganz genau. Wir bekommen ja auch von zig Leuten Bier ausgegeben, wenn wir Musik machen. Ich verrate jetzt mal ein Geheimnis: Die Jungs hinter dem Bierstand geben uns meist Apfelschorle oder Alkoholfreies.

Michael Sichelschmidt: Wir müssen uns auch einer gewissen Vorbildfunktion bewusst sein. Wir können nicht den Kirmesgruppen das Alkoholverbot im Zug predigen und dann selbst einen im Tee haben. Vor 20 Jahren, da sah das generell mit dem Alkohol – auch im Zug – noch ganz anders aus.

Sicherheitskonzepte werden immer elementarer. Wie sind sie aufgestellt?

Michael Sichelschmidt: Die Stadt Gevelsberg erstellt das Sicherheitskonzept für die Straßenkirmes und auch den Kirmeszug. Das haben wir inklusive Vor- und Nachbesprechung schon seit Jahren. Als dann in der Folge des Love-Parade-Unglücks die Sicherheitsauflagen explodierten, war das für uns Gold wert.

Markus Loetz: Neuerdings haben wir allerdings einen Krisenstab für Unwetter dazubekommen. Wenn es eine Unwetterwarnung gibt, treten Bürgermeister, Polizei, Feuerwehr und weitere Institutionen mit uns zusammen, um zu entscheiden, ob der Zug laufen kann oder nicht.

Carsten Neef: Vor zwei oder drei Jahren hatten wir einmal die Situation, dass wir tatsächlich darüber nachgedacht haben, dass der Zug nicht läuft.

Michael Sichelschmidt: Da bekommst Du als Verantwortlicher plötzlich Magenschmerzen. Dir schwirrt alles durch den Kopf. Was ist die richtige Entscheidung? Wie reagieren die Leute auf eine Absage? Was ist, wenn Du nicht absagst und es passiert etwas?

Seit sieben Jahren beschäftigt sie auch der TÜV deutlich mehr.

Carsten Neef: Das ist korrekt und damals ganz gehörig auf uns eingeprasselt. Die Wagen werden ohne Aufbau abgenommen, dann gibt es die Genehmigung, wie Du und was bauen darfst. Im Rahmen der Bauplatzbereisung entscheidet sich dann noch, ob das, was die Gruppen bereits fertig haben, auch so bleiben darf.

Michael Sichelschmidt: Das war schon extrem, wie das auf uns eingestürzt ist und vor allem auf die einzelnen Gruppen. Früher gab es Techniker aus den eigenen Reihen und dann klappte das. Wir sind da auch in enger Abstimmung mit dem Ordnungsamt. Da arbeitet die Stadt Gevelsberg uns hervorragend zu.

Wie lange im Vorfeld beginnen Sie, sich um die nächste Kirmes zu kümmern?

Markus Loetz: So kann man das nicht ausdrücken. Wir sind permanent und das ganze Jahr über damit beschäftigt. Natürlich gibt es Hochphasen. Aber auch nach der Kirmes steht ja noch Manöverkritik mit allen Beteiligten an, und dann muss schon bald mit den Planungen für das Folgejahr begonnen werden. Ich telefoniere mit den beiden auf jeden Fall öfter als mit meiner Frau.

Michael Sichelschmidt: Carsten arbeitet in Solingen, Markus in Wattenscheid und ich in Gevelsberg. Wir haben vor allem im Moment täglich mehrfach Kontakt miteinander. Immer wenn Du denkst ,Jetzt ist alles gut’ kommt nämlich der Nächste um die Ecke und braucht irgend etwas oder hat ein nagelneues Problem.

Wie hoch ist der Verwaltungsaufwand?

Carsten Neef: Wir haben die Organisation ein wenig umgestellt, arbeiten beispielsweise über eine Cloud, damit jeder Zugriff auf alles hat, falls einer von uns mal ausfällt oder das Amt übergeben sollte.

Michael Sichelschmidt: Da haben wir auch eine gewisse Routine entwickelt. Etwas anders ist das mit der Organisation während der Kirmes. Die Termine, die wir mit Behörden und Organisationen im Hintergrund haben, sind jedes Mal Stress. Die Zugstrecke abfahren, den Zug moderieren, die vielen kleinen Dinge, wo wir präsent sein müssen. Druckerei, Presse, Preisverleihung… ich könnte ewig so weitermachen.

Markus Loetz: In der Vorbereitung haben wir zudem fünf Versammlungen inklusive unserer Jahreshauptversammlung. Das ist turnusmäßig getaktet und hat sich so bewährt. Dazu kommen Vorstandssitzungen, Treffen mit dem Präsidium und so weiter.

Auf was müssen Sie wen in jedem Jahr aufs Neue aufmerksam machen?

Michael Sichelschmidt: In jedem Jahr ist ein Hinweis an unsere Abiturienten ganz wichtig: Denkt daran, wie lange der Zug dauert und dass ihr keine Toilette auf dem Wagen habt.

Was treibt Sie an, diese Arbeit auf sich zu nehmen?

Carsten Neef: Wir betreiben das rein ehrenamtlich nur der Sache wegen. Da braucht man natürlich Arbeitgeber, die das mitmachen. Wenn dann viele Leute zum Zug kommen, ist der Applaus der verdiente Lohn für unsere Arbeit.

Michael Sichelschmidt: Es macht uns stolz und glücklich, wenn 70 000 Menschen friedlich-fröhlich feiern. Dann wissen wir, dass der viele Aufwand sich lohnt. Jeder Einzelne von uns sieht das nicht als Belastung, weil wir alle total kirmesverrückt sind.

Markus Loetz: Wir machen das auch wegen der Gänsehaut. Wenn die Sirene zum Zug ertönt, ist sie da, wenn der Zug sich dann langsam in Bewegung setzt, bleibt sie. Wenn die Kirmes rappelvoll ist und die Menschen glücklich nach Hause gehen, dann sind wir natürlich stolz, dann ist die Gänsehaut auch wieder da. Genau für diese Momente machen wir das.

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