Spannende Einblicke in die Kirmesgeschichte

Gevelsberger sind hart im Nehmen – vor allem, wenn es um die Kirmes geht. Viel schlechter hätte das Wetter nämlich nicht sein können, als Kirmesvereinschef Michael Sichelschmidt und Hammerschmied Bernd Matthäi am Samstagmittag in Kooperation mit unserer Zeitung zum Kirmesrundgang einluden. Eine ganz besondere Tour, die nur für Leser unserer Zeitung bestimmt war, und die sich keiner entgehen ließ – dem Dauerregen zum Trotz. Um es vorweg zu nehmen: Alle wurden klatschnass – und dennoch hat sich der Einsatz gelohnt und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Beim Hammerschmied sogar körperlich. Er kränkelte leicht am Morgen danach, als er beim Bürgermeisterempfang seine erste Prüfung ablegen musste. Nicht, das ein kühles Bier nicht heilen könnte. Aber der Reihe nach.

Was es mit Bruno auf sich hat

Los ging es am Kirmestor, das 1997 — danach wurde in unserem Quiz gefragt — vom Freundeskreis, allen voran Karl Schüngel, gestiftet wurde. „Als sichtbares Zeichen, dass man jetzt das Kirmesgelände verlässt“, erklärt Michael Sichelschmidt. Längst ist aus der einstigen Sicherheitsvorkehrung ein Wahrzeichen geworden. Während die Gruppe Kirmesfreunde durch den Regen Richtung Timpen ging, erinnerte Sichelschmidt an den allerersten Zug. Eine Protestaktion, weil die Kirmes verlegt wurde. Daraus wurde dann der heutige Kirmeszug, der 2017 sein 75-jähriges Bestehen feiert.

Die Kirmes selbst sei viel älter. Wie alt, das wussten Matthäi und Sichelschmidt nicht, dafür kannten die beiden viele andere geschichtsträchtige Anekdoten. Dazu gehört auch die Schaustellerkarriere der Familie Alexius, mit dem Begründer Franz Alexius, die eng mit der Kirmes verbunden sei. „In Gevelsberg haben sie von der Pike an angefangen“, erzählt Sichelschmidt. Unter anderem hatten sie auch eine Holzlosbude, die übrigens der Grund für Brunos Existenz bei der Kirmes ist – doch dazu später. Wie sich die Zeiten ändern, sehe man am Autoscooter der Alexius’, sagt Matthäi. Zwei Mann könnten das Fahrgeschäft in eineinhalb Stunden wieder zusammen bauen. Damals seien weder solche Karussells noch solche Abläufe denkbar gewesen.

Zurück zu Bruno, dem grauen Bären im Giebelfenster der Hausnummer 13, der Zentrale der Familie Sichelschmidt. Bruno gab es an der Losbude von Alexius vor vielen Jahren, seitdem ist aus dem Stofftier ein Entführungsopfer (eine Schwelmer Familie rettete ihn vor zwei Jahren), Maskottchen und Zuschauer der Mühlenhämmer Bühne geworden. Dort, wo Michael Sichelschmidt am DJ-Pult gerne mal für Stimmung sorgt. Wie in alten Zeiten im Mühlenkeller, in den sich statt der möglichen 40 Leute gerne auch mal 140 reinquetschten. Verdursten, erklärt der Kirmeschef, muss auf der Kirmes übrigens niemand. Es gebe 32 Gelegenheiten sich zu verpflegen. Die einzigen, die noch Andreas-Pils anbieten, sind die Kirmesleute von Pinass Brumse. Dort wurde auch bei einem kleinen Päuschen ein Kaltgetränk gereicht. Glühwein für die durchnässte Gruppe gab es leider nicht, dafür aber bei Dirk Wagner heißen Kibbeling. Gründer der „besten Fischbude der Welt“, wie Sichelschmidt und Matthäi betonen, sei übrigens Otto Wagner im Jahr 1899 gewesen.

Wer wollte, durfte einige Runden im Autoscooter und im Kettenkarussell drehen (im Regen eine besonders erfrischende Angelegenheit). Und auf Einladung des Hammerschmieds wurde ein Zwischenstopp bei der Feuerwehr eingelegt, um den Durst zu löschen. Schließlich ging es immer nur steil bergauf. 8,5 Prozent Steigung, erzählt Hammerschmied Bernd Matthäi und verwies dabei auf seinen Hammer, den er als Symbolfigur auch während der Führung dabei hatte. „Der hat auch eine Neigung von 8,5 Prozent.“ Daraufhin legte er den Hammer auf den Boden. Eine Wasserwaage hatte — wohl zu seinem Glück — jedoch keiner dabei. „Freiwillig würde hier keiner hochgehen“, sagt Sichelschmidt und lacht. Die gute Laune der beiden Kirmesstrategen war ansteckend.

Vergangenheit oft noch aktuell

Nicht ohne Stolz erzählen sie, dass manch ein Kirmesfreund extra aus dem Ausland anreise – wie die Mitarbeiter von Marias Pizzastand. Sie kommen aus Italien und wohnen während der Zeit bei Sichelschmidts. Weiter ging es zur Kornbrennerei. Dort wurden Geschichten über den Kuhstall ausgetauscht. Heidi Wilcke, eine der Gewinnerinnen der Führung, erinnerte sich an die Bar des Skiclubs gegenüber von Saure. Auch daran, wie sie und vier Vereinsmitglieder diese Theke ins Leben riefen und bis zum Vogelgezwitscher die Besucher verpflegten. Feiern bis zum Morgengrauen: Manche Dinge ändern sich in Gevelsberg nie. Wer will hat übrigens noch zwei Nächte Gelegenheit, das zu überprüfen.

Text: Carmen Thomaschewski

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