Chronik der Aechterbieckschen Landsknechte/Husaren

Text: Hans-Heinrich Lesker

0In der letzten Zeit ist es wieder stiller um die einst so bekannten und beliebten Musiker der „Aechterbieckschen“ geworden. Man kannte und feierte sie sowohl in ihrer prächtigen Landsknechtstracht, als auch in einer wunderschönen Husarenunifom und in einem den Husaren nachempfundenen Bigband-Outfit. Viele Jahre begeisterten die Aechterbieckschen Musiker im In- und Ausland ihr Publikum, führten selber unvergessene Veranstaltungen durch, gewannen viele große Preise und repräsentierten den Namen ihrer Heimatstadt Gevelsberg stets in bewundernswerter Art und Weise. Die Aechterbieckschen Landsknechte – später Husaren – pflegen weiterhin gute Kameradschaft in Form eines Freundeskreises, nachdem sie zum Kirmesabend 2004 noch einmal ihr großes Können im Zusammenspiel mit einem Blasorchester unter Beweis gestellt hatten. Damit fand eine Fünfzigjährige Aechterbiecksche Musikgeschichte ihren Abschluß.

In Form einer Vereinschronik wurde die Historie des Klangkörpers aufgezeichnet, und da die Aechterbieckschen Landsknechte/Husaren ein „Kind“ der Gevelsberger Kirmes und ein „Ableger“ des Gevelsberger Kirmesvereins e.V. sind, soll hier eine Zusammenfassung der Vereinsgeschichte der Gruppe niedergeschrieben werden. Die Gründung des „1. Gevelsberger Fanfarencorps“ erfolgte unmittelbar nach der Kirmes des Jahres 1954 (damals 3. Wochenende im Juli) Da man zunächst der Kirmesgruppe Aechter de Biecke angehörte, nannte man sich folgerichtig „Aechterbiecksche Landsknechte“. Fanfarencorps und Kirmesgruppe trennten sich jedoch bald wieder in Freundschaft, weil es für die Mitgliedschaft zu anstrengend war zwei Gruppierungen, die Finanzierung und Mitarbeit erforderten, in einem so gelagerten Verein zu betreiben. Als Mitglied im „Kirmesausschuß“ – heute „Gevelsberger Kirmesverein e.V.“ verblieb man jedoch nach wie vor. Geprobt wurde zunächst in der Scheune des Landwirts Hünninghaus „auf Frielinghausen“, später wechselte man in den Saal des Elektrizitätswerks Agfu (heute AVU) am Nirgena. Ab 1956 war der „Saalbau Buschmann“ Vereins- und Probelokal, danach ab 1964 die Gastwirtschaft „Zum alten Postwagen“ in der Mittelstraße, ab 1977 wieder Saalbau Buschmann sowie im selben Jahre die Gastwirtschaft „Zur Juliushöhe“. Dort finden auch heute wieder die Zusammentreffen des Freundeskreises der Gruppe statt. Bereits im Jahre 1955 hatte man die ersten Auftritte (Ausmärsche) die erwähnenswert sind. Man nahm am Rosenmontagszug in Duisburg teil und schritt der Kirmesgruppe Aechter de Biecke im Gevelsberger Kirmeszug voran.

Am 21. Juli 1957 (Kirmessonntag) führte man den ersten Fanfarenwettstreit in Gevelsberg durch. Er fand auf dem kleinen Marktplatz hinter dem (alten) Rathaus statt. Solche Wettbewerbe gab es bis zum Jahre 1962, zunächst auf dem Marktplatz im Stadtgarten später auf dem Schulhof der (sogen.) Mittelstraßenschule. Im Jahre 1963 veranstaltete man das große „Internationale Musik- und Trachtenfest“, das mehr als 2000 Musiker und Trachtler nach Gevelsberg brachte. Von da an führte man Freundschaftstreffen durch. Statt Siegerpokalen gab es nun Erinnerungsgaben für die Teilnehmer. 1965 organisierte man das Verbandstreffen der Nordrhein-Westfälischen Fanfarencorps im Auftrage des Landesverbandes. 1969 führte man im Auftrage des Bundesverbandes die „Deutsche Jugendmeisterschaft der Spielmanns- Hörner- und Fanfarenzüge durch.

Im Jahre 1968 war man Organisator und Veranstalter der Wahl zur „Miss Ennepe-Ruhr“, einer Vorentscheidung zur Miss Germany. Im Jahre 1973 waren mehr als 120 kanadische Gäste der Aechterbieckschen Musiker aus Calgary, Lethbridge und Medicine Hat (Provinz Alberta) zur Gevelsberger Kirmes anwesend. Sie boten mit den weißen Cowboyhüten sowie den Squaredance-Kostümen ein farbenprächtiges Bild. Im Jahre 1974 gastierte die „Edmonton All Girls Drum an Bugle Band“ in Gevelsberg. 140 Girls aus Edmonton veranstalteten in Verbindung mit heimischen Orchestern, die die Aechterbieckschen unterstützten, vor mehr als 5000 begeisterten Zuschauern und Zuhörern im Stadion Stefansbachtal eine bunte, großartige, musikalische Show. Auf Initiative und mit Organisation der Aechterbieckschen Husaren reisten im selben Jahre noch die „Alberta All Girls“ und die „Edmonton Klondike Band“ in Europa. Mit der Verlegung der Kirmeszüge in Gevelsberg im Jahre 1971 auf den „Kirmessonntag“ mußten auch die Musikveranstaltungen der Aechterbieckschen Musiker der veränderten Situation angepaßt werden. In Kooperation mit dem Gevelsberger Kirmesverein e.V. wurden die Orchester für die Matineeveranstaltung auf dem Mittelstraßenschulhof und für den Kirmeszug verpflichtet.

Ab 1985 wird dies erfolgreich durch die Spielleutevereinigung Gevelsberg durchgeführt. In kurzer Zeit war das Fanfarencorps Aechterbiecksche Landsknechte weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt geworden. Man hatte „sich einen guten Namen gemacht“. Dies hatte eine ansteigende Anzahl von Verpflichtungen und Einladungen zu entsprechenden Auftritten zur Folge. Man nahm u. a. an den Rosenmontagszügen in Köln, Münster und Leverkusen teil, gastierte in den Sartori-Sälen und im Gürzenich in Köln und in der Schalker Glückauf-Kampfbahn anläßlich großer Spiele des FC Schalke 04. Im Jahre 1964 wurde der Verein zum belgischen Oktoberfest (dem wohl größten Fest dieser Art) nach Wieze bei Brüssel eingeladen.

1957 errang man bei einem großen Wettstreit in Leverkusen den 1. Pokalsieg. Herausragende 1. Preise gewann man bei Wettstreiten in Düsseldorf-Oberkassel (1959), Rastatt (1958) Südwestdeutsche Meisterschaft in Ketsch (1959) 1960 in Wörrstadt, Landstuhl und Wiesloch, Westdeutsche Meisterschaft in Düsseldorf (1962) Europapokal in Köln (1968) Weitere große Auszeichnungen erhielt man in Wieze/Belgien, Arnheim/Holland (2 Goldmedaillen) Calais (Jean Barth-Medaille) Rouen/Frankreich, Charleville-Mézières/Frankreich, Charleroi/Belgien, Calgary-Stampede/Alberta (1971 und 1973) und Klondike Days in Edmonton/Alberta (1971 und 1973) Pokalgewinner im Gevelsberger Kirmeszug waren die Aechterbieckschen Landsknechte ebenfalls. Im Jahre 1959 hatte die Kirmesgruppe, aus der man hervorgegangen war, Personalprobleme. Man stellte kurzerhand die Instrumente in die Ecke und beteiligte sich mit der Darstellung „Max und Moritz“ (Kirmesmotto = „Luter Flitzen und Spagitzen“) am Kirmeszug. Ergebnis: Großer Lacherfolg und Pokalsieg. Das ernorme Leistungsvermögen der Aechterbieckschen Landsknechte dokumentierte sich insbesondere auch dadurch, daß man das einzige Fanfarencorps war, das mittels Naturinstrumenten die vierstimmige „Verbandsfanfare“ aufführen konnte, die der damalige Verbandsmusikmeister „Adi“ Jung aus Leverkusen komponiert hatte.

Man konzertierte im Zusammenspiel mit Bundeswehrorchestern, den Bückeburger Jägern, dem Niedersächsischen Landspolizeimusikcorps und vielen Schützen- und anderen Blasorchestern. Für 10 Tage fuhr man nach Mautern/Steiermark. Kinder aus diesem österreichischen Örtchen verbrachten in jedem Jahre einige Ferienwochen in Gevelsberg. Initiator auf Gevelsberger Seite war Adolf Schlieper, der 1. Vorsitzende des Gevelsberger Kirmesvereins. Die Kinder wurden von den Landsknechten am „Bergisch-Märkischen Bahnhof“ in Gevelsberg mit Fanfaren- und Trommelklängen begrüßt. Mit der Stadt- und Feuerwehrkapelle Gevelsberg veranstaltete man Sonntagsmorgenkonzerte im alten Stadtgarten, Pfingstkonzerte am „Alten Forsthaus“, sowie an den jeweiligen Kirmessamstagen den „Großen „Zapfenstreich“ auf dem Mittelstraßenschulhof im Anschluß an die Fackelsternmärsche über die Mittelstraße, an der auch der Spielmannszug des VfL Gevelsberg mitwirkte. Im Jahre 1964 entschloß man sich dazu den Verein in das Vereinsregister beim Amtsgericht Schwelm eintragen zu lassen.

Nachdem man als Fanfarencorps alles erreicht hatte, was man erreichen konnte strebte man nach anderen Zielen. Im Jahre 1967 erfolgte die Umstellung von der Es-Fanfare auf Ventilinstrumente zur „Brassband“. Es erklangen ab da „modernere“ Töne. Dazu paßte die traditionelle Landsknechtstracht nicht mehr. Es wurde zu einer ebenfalls schwarz/weißen Husarenuniform gewechselt. Ab 1968 wurde der Klangkörper um eine Mädchengarde erweitert, die ebenfalls mit ihren Auftritten für Furore sorgte. Die Garde war eine großartige Ergänzung des Orchesters. Der erste Auftritt von Garde und Orchester fand im so verregneten Kirmeszug des Jahre 1969 statt. Für den Zeitraum von 10 Jahren marschierte die Garde dem Orchester bei Auftritten im In- und Ausland voran.

Die Aechterbieckschen Musiker waren auch bei der Begründung der Städtepartnerschaft zwischen Gevelsberg und Vendome (1973/1974) mit von der Partie. Im Jahre 1977 suchte man wiederum eine neue Herausforderung und formierte eine Bigband. Dieses Orchester hatte ebenfalls große Erfolge. Bei Festzügen konnte man in dieser Formation nicht mehr marschieren. Man fuhr auf Flachwagen mit. Das Outfit der Bigband war der Husarenuniform nachempfunden. Innerhalb der Gruppierung der Aechterbieckschen Musiker gab es auch zeitweilig eine Skiffle-Formation und eine kleine Tanzbesetzung (Husarencombo) Zum eigenen Vergnügen jazzte man „aus Spaß an der Freude“ auch zu Vereinsfesten, und zum Vergnügen vieler Freunde und Mitglieder. Im Jahre 1987 wurde die Bigband aufgegeben. Man formierte sich wieder als Brassband. Ab 1995 wurde es dann zunehmend „ruhiger“ um die einst so bekannten und erfolgreichen Aechterbieckschen Musiker, man hatte – wie allgemein – mit Nachwuchssorgen zu kämpfen. Da man jedoch den erreichten Standart nicht aufgeben wollte, schlief der Musikbetrieb automatisch von selbst ein. Im Zuge des „Millenniums-Fiebers“ (1999/2000) wurden auch die „alten“ Aechterbieckschen mit „angesteckt“. Man nahm am Gevelsberger Kirmeszug des Jahres 2000 als Fanfarenzug in noch vorhandenen Landsknechts- und Husaren-Uniformen und Fanfaren und zum Teil in geliehenen Uniformen und mit geliehenen Instrumenten teil. Die Resonanz von Zuschauern und Zuhörern an der Zugstrecke überwältigte und hinterließ bei allen ungetrübte Freudengefühle. Man hatte die Aechterbieckschen Musiker und deren Leistungen aus vergangenen Tagen tatsächlich nicht vergessen. Überrascht war man selber auch über das noch vorhandene Leistungsvermögen. Man hatte natürlich für diesen Auftritt geprobt.

Im Jahre 2003 flog man nach Mallorca, um Horst-Günter Heringhaus (Ennepetaler Busunternehmen und Reisebüro) zu dessen 60. Geburtstag ein Ständchen darzubringen. Mit dem Unternehmen Heringhaus, sowie u. a. dessen Inhaber und Busfahrer Horst-Günter Heringhaus, hatte man als Musiker auf Konzertreisen Strecken zurückgelegt, die mehrfach um den Erdball reichen würden. Im Jahre 2004 (50 Jahre Aechterbiecksche Landsknechte und Husaren) trat man noch einmal im Rahmen der Gevelsberger Kirmes auf. Beim Kirmesabend erklangen Märsche im Zusammenspiel mit einem Blasorchester. Auf dem Schulhof der VHS spielte man noch einmal als Fanfarenzug. und im Kirmeszug trat man im Zusammenspiel mit der Ruhrtaler Blasmusik auf. Das sollte es dann wohl gewesen sein. Man ist heute noch als Freundeskreis zusammen, macht hier und da ein bißchen Fanfarenmusik und erzählt von vergangenen schönen und erfolgreichen Zeiten.

Man wird sich an großartige eigene Veranstaltungen erinnern, sowie an Konzertreisen im In-und Ausland. Insbesondere die Reisen in die Benelux-Staaten sowie die USA und Canada werden allen, die dabei waren, unvergessen sein. In guter Erinnerung bleiben allen, die dies miterlebten, auch die vielen Gäste aus dem In- und Ausland, die die Aechterbieckschen Musiker in Gevelsberg willkommen heißen durften, und denen sie ihre Heimat zeigen konnten.